Zeitreise nach 1928


PorzellanschildIch sitze anfangs ein wenig müde in sowas wie einem Fahrzeug. Rechts ist ein breites Fenster  wie ein Breitwandbildschirm. Links ist eine strahlend blaue Wand. Die Stirnseite und Rückseite sind schwarz. Das Fahrzeug schwebt an Szenen vergangener Jahre vorbei, die ich nicht kenne. Plötzlich schwebt die Ansicht meines Hauses, das ich von meinem Großvater geerbt hatte vorbei. Nachdem die Szene mit dem Haus fast vorbei geschwebt ist, sage ich „halt! und hüh!“ und steige aus dem komischen Fahrzeug aus. Ich bin im Jahr 1928 weis ich aus unerklärlichen Gründen. Es leuchtet um mich herum wie bei einem überbelichteten Foto.  Nach heutiger Sicht seltsam gekleidete Menschen laufen herum. Das Haus ist vor vier Jahren gebaut, also 1924. Um das Haus stehen im Vorgarten kleine Birken und kleine Akazien.

Es ist Frühherbst und erste Blätter der Bäume wehen zu meinen Füßen herum. Das komische Fahrzeug, aus dem ich ausgestiegen bin, ist verschwunden. Mit wenigen Schritten bin ich an der Treppe zur Haustüre und stehe nach drei großen Schritten vor der neuen Kassetteneichentüre. Ich drücke auf einen kleinen Messingknopf unter dem ovalen Porzellantürschild  Rich. Hebstreit, Spediteur. Ich kenne den Klang der Klingel.  Ich höre Stimmen. Ein mir gleichaltriger Mann, um die sechzig Jahre mit schütterem Haar öffnet die Türe. Es sieht mich von oben nach unten erstaunt an. Ich sehe für ihn seltsam aus merke ich. Ich habe eine helle Jacke und eine helle Hose aus Synthetikmaterialien an. An meinem Gürtel befindet sich ein Handy und eine Digitalkamera in einem schwarzen Gürteltäschchen. Ich erkenne den Mann. Es ist der Bruder meines Großvaters, Otto.  Das ich fast so aussehe wie sein Bruder also mein Großvater, wundert ihn wohl. Noch mehr wundert ihn, als ich sage, ich käme aus dem Jahr 2010, also aus der Zukunft. Er bittet mich in die Küche und im Flur erkenne ich die alte Stofftapete als nagelneu, ebenso die Flurlampe, die noch in den fünfziger Jahren im Haus hing.

Er stottert in der Küche irgendwas im Thüringer Slang vor sich hin, was nicht verstehe. Ein Dienstmädchen in weißer Spizenschürze bringt ein Hemd und eine Zeitung. Er legt die Zeitung auf den Küchentisch, der mit grünem Linoleum bedeckt ist. Ich nestel mein Handy, die Digitalkamera und den mp3 Player aus der Tasche und starte eine Vorführung der Geräte mit allem Trallala. Fotografiere Otto, das Dienstmädchen und eine Kaffekanne. Ich komme ja aus der Zukunft. Er staunt wenig, nur das kleine leuchtende Display der Digitalkamera hat ein wenig Interesse gefunden.  Er sieht mich immer wieder an, fragt nach seiner Brille  und bekommt Schweißperlen auf die Stirn. Dann bekomme ich die Zeitung vorgeblättert. Was in der Zeitung steht, habe ich vergessen. Ich bekomme gesagt, ich solle zum Burgsee in ein Restaurant. Dort wäre mein Großvater, meine Großmutter und mein Vater Kaffee trinken und Windbeutel essen. Ich mag Windbeutel.

Es blitzt.

Auf einmal sitze ich auf einer Art schwebendem Schlitten und rase in einer warmen Nachmittagsluft durch den Stadtpark auf die Burgseepromenade zu. Warum ich auf so was mich halten kann, weis ich nicht und wundert mich auch nicht. Leute lachen und kreischen, weil da so ein alter Esel quasi auf dem Hintern so furchtbar schlittenartig aber ohne Schnee schnell die Wege entlang rast. Mit dem Ellenbogen  und dem Gesicht erwische ich manchmal  Kleidungsstücke der Leute auf den Wegen, die nicht schnell genug ausweichen können.

Irgendeine Kurve bekomme ich nicht hin und lande im Schilfgürtel des Sees. Ich gehe langsam unter und wache auf in Berlin vor wenigen Wochen um 7.00 Uhr  auf.

Nach dem ersten Frühstück schließe ich die Digital-Kamera an den USB Port an und lade alle Fotos auf den Desktop. Schade, von meiner Zeitreise war nix absolut nix in der Kamera. Nur verwackelte Fotos aus dem Tempodrom. Dann streikt die Kamera. Ich hole aus einem Schubfach zwei geladene Akkus. Im Schubfach liegt ein altes Porzellantürschild von 1928.

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