Goldräuber und Schlitzohren


Eine Story über Kleinkriminelle in der DDR

Sargdeckel„Lass die Finger davon“ sagte Werner, als ich wieder mal kleinkriminelle Ambitionen hatte, meine Schatzsuche außerhalb meines bisherigen Wirkungskreises aus zu weiten. „Gold geht schon mal gar nicht, das bekommst du hier nicht sicher los. Das ist so, wie wenn du im Keller der Staatsbank einen Goldbarren besorgst und den Barren in den oberen Etagen wieder zu verkaufen versuchst. Die DDR ist ein Hochsicherheitstrakt wie die Staatsbank, die eigentlich keinen Tresor mehr bräuchte!“ Werner hatte recht wußte ich, als er mir erzählte, wie der Zahngoldraub von Bad Salzungen 1970 aufgedeckt wurde. Im VEB Bergbau- und Hüttenkombinat Albert Funk, wohin die Abrechnungsnachweise für den Ankauf von Gold-haltigen Materialien geschickt wurden, saß ein Informant,

der der Kripo in Freiberg was steckte, wenn ungewöhnliche Mengen Gold von einer einzigen Person mehrfach verkauft wurden. Einmal kam von einer Person 38,4 Gramm Zahngold zu 9150,34 Mark, drei Monate später 19,2 Gramm 4600,22 Mark. Auf den Abrechnungszetteln stand Name: Krautstein, Vorname: Heinz, Wohnort: Steinbach, Straße: Am Schleifkotengrund 134, Ausweisnummer: 32485965295. Man brauchte nur bei der Volkspolizei Meldestelle in Bad Salzungen an zu rufen, wo man den Hinweis erhielt, dass Heinz im Krematorium Bad Salzungen sein zwei Jahren arbeitete. Vorher hatte Heinz zwei Jahre in Untermaßfeld im Knast wegen Diebstahl von Volkseigentum gesessen. Heinz hatte zwei Schweine geklaut und heimlich selber geschlachtet. Für jedes Schwein bekam Heinz ein Jahr. Für jedes Gramm Gold bekam Heinz einen Monat Knast. In Goldlauter bei Suhl vergoldete Heinz dann in seinen Haftmonaten in der Galvanikabteilung als Strafgefangener Jagdgewehrschlösser mit Gold.

„Woher weißt du das ?“ fragte ich damals noch Werner. „Von Schilling Horst, der wurde aus der Kripo rausgeschmissen, einmal weil er zuviel gesoffen hatte und zum anderen, weil sein Bruder achteraus gesegelt ist.“

„Achteraus?“

„Na Achteraus ist der Begriff für das Verpassen der Abfahrt eines Schiffes durch ein Besatzungsmitglied. Hier Abhauen aus der DDR Fischfangflotte von einem Fischlogger in Skagen in Dänemark, als der Fischdampfer dort wegen Zahnschmerzen des Bestmannes anlegte. Eine Goldplombe hatte sich gelöst.

Schilling erzählte in der Kneipe „Schöne Aussicht“ im Suff noch ganz andere Sachen wie von der Grabräuberbande aus Leipzig, die dort ordentlich generalstabsmäßig geplant verschiedene Gruften des Großbürgertums auf den Leipziger Friedhöfen knackten und mittels Blechscherchen die Zinksärge wie Heringsdosen öffneten. Dann wurden mit einer Wasserpumpenzange die Goldplomben gezogen und nachdem in Leipzig bei verschiedenen Goldschmieden verkauft. Im Ergebnis wurden diese Experten dann von der Leipziger K1 wie die Hühner auf dem Hühnerhof eingesammelt. Danach gab es ein Gerichtsverfahren wegen Verbrechen zum Nachteil Sozialistischem Eigentums. Denn Tote, die keine Angehörigen mehr haben, gehören dem Staat!“

Das alles habe ich in Erinnerung, als ich einmal eine e-mail aus Brasilien, aus Blumenau erhielt mit einem Link zu einer Webcam. Den Absender kannte ich. Er war im Sommer 1990 nach Brasilien ausgewandert. Es war Heinz.

Heinz kam nach seiner Haftentlassung wegen der Zahngoldsache zur „Eingliederung“ beruflich wieder an einem Ofen unter. Diesmal nicht in einem Krematorium, sondern in einem Heizwerk. Fünf Jahre später, als die Arbeitsplatzbindung auslief, wurde Heinz Straßenbauer und oft tätig in einer Brigade, die DDRweit alte Friedhöfe entsorgte, die einer Baustelle im Wege standen. Seine Kollegen ekelten sich, wenn Gräber mit der Baggerschaufel geöffnet wurden. Heinz machte das nichts aus und so wurde er eingeteilt, die alten Knochen zu sortieren.

Heinz sortierte sorgfältig die Totenschädel mit den Unterkiefern. Eine Wasserpumpenzange benutzte er diesmal nicht, die wäre zu groß und zu umständlich gewesen. Er hatte eine kleine alte Extraktionszange vom Zahnarzt immer dabei, mit der er schnell und geschickt die Goldkronen „extrahierte“.

Im Verlaufe der Jahre bis 1989 sammelte Heinz wohl so sechs Kilo Zahngold. Insofern wurde er rückfällig. Nicht rückfällig wurde er das Kronengold zu verkaufen. Er sammelte und sammelte und wenn ein Kilo zusammen gekommen war, goß er daraus wegen einer Marotte eine Boule Kugel, die heute so fünfunddreißigtausen US-Dollar wert ist.

Im November 1989 ging in Berlin die Mauer auf und ein halbes Jahr später saß Heinz mit einem Boule-Köfferchen Schildkröt 970011 entweder in Silber oder in Blau in einem Flieger nach Rio de Janeiro. Die Original Kugeln schenkte er mir damals. Warum, erschließt sich mir erst heute.

In Brasilien kaufte sich Heinz von zwei Kugeln Gold ein Schiff, Kompressoren und starke Pumpen. Das hatte er im Knast gelesen, wie man das macht mit dem Schiff und den Pumpen. Erst in einem Buch von den beiden Tschechen Hanselka und Sigmund. Die kutschten um 1948 mit einem luftgekühltem Tatra 87 um die Welt und nach Brasilien, wo sie bedauerten nicht zum Gold schürfen bleiben zu können. Aber sie fotografierten alles, was ihnen ungewöhnliches vor die Linse kam. Um 1963 las er seine Bücher und träumte von ihren Abenteuern beim Betrachten der Fotos.

Der Traum von Heinz erfüllte sich. Aus einem Kleinkriminellen mit speziellen Extraktionskenntnissen wurde ein mehrfacher Goldschürfer-Millionär, der jetzt in Blumenau noch sehr rüstig mit seinen achtzig Jahren jeden Sonnabend hinter dem Forum da Justiça Federal, an der Rua Padre Roberto Landell de Moura 54 mit dem ehemaligen Presidente  Justiça Federal Boule spielt.

Manchmal ist da eine Webcam an und ich kann sehen, wie Heinz mit Schwung seine Kugeln platziert. Wenn Heinz wieder mal gegen einen pensionierten Richter von Blumenau gewonnen hat, trinkt er mit ihm im Türmchen in der dritten Etage einen Nordhäuser Doppelkorn und schaut schmunzelnd entweder auf die halb dürre Palme oder auf die angetrocknete Linde, die vor dem Gebäude steht. Er denkt an das tagein tagaus milde Wetter und erinnert sich sicher wie ich manchmal auch an Daniel und Werner.

Salzunger OriginaleSchade, daß beide, Daniel und Werner, seit einigen Jahren nicht mehr leben. Daniel könnte dann sicher erzählen, wie man ohne eine müde Mark ein Haus baut und Werner würde eventuell verraten, wie man aus Pfennigen und ein bischen Grips und talentierten Händen ein stattliches Vermögen macht. Nun muß ich die ganze Geschichte fast ganz alleine hervorkramen und denke dabei mit Schmunzeln an die beiden Salzunger Originale, welche als Vater und Sohn zeitlebens wie Hund und Katze miteinander umgingen. Daniel Hampelmann stammte aus Siebenbürgen in Rumänien aus der Nähe von Hermanstadt. Dort war er Zivilangestellter einer Thüringer Panzereinheit, welche ihn einen Urlaubsschein nach Bad Salzungen ausstellte.

Mit markierten Magenkrämpfen verlängerte er seinen Aufenthalt und blieb nach dem Krieg in Bad Salzungen, bei der Witwe Martha Klempe wegen der Thüringer Klöße Salzunger Art hängen und weil die Martha eine patente und ganz liebe Frau war. Daniel war Drechsler und vom ersten Prinzip her zwar ein guter Handwerker, vom zweiten Prinzip her aber ein wenig faul, wenn er für andere arbeiten mußte. Ihm kam es nicht sehr gelegen, daß es nach dem Krieg nicht viel zu drechseln gab und so arbeitete Daniel in den umliegenden Schneidmühlen und auf verschiedenen Baustellen bei verschiedenen Salzunger und Langenfelder Meistern als Zimmermann.

Eine Schneidmühle war ein Sägewerk und da wurden Bretter und Bohlen gesägt. Zwischendurch war er ab und zu in seinem Drechsler-Gewerk selbständig und drechselte irgendwelche Spulenkerne für die Spinnereiindustrie in Sachsen und Thüringen in einem Schuppen in Bad Salzungen auf einen Halbautomaten, den er irgendwoher „organisiert“ hatte. Daniel „besorgte“ sich bei seinen Anstellungen mindestens jedes dreißigste Brett und jeden fünfzigsten Balken, den er in seine Hände bekam. Dachziegeln, Steckdosen, Wasserhähne ….allles verschwand systematisch und kontinuierlich auf einem geerbten Grundstück seiner Frau in Zelleroda, auf denen übrigends Unmengen von Zwetschenbäumen wuchsen.

Einen Siebenbürger Schwaben ohne Haus gibt es nicht, weis ich inzwischen und einen Siebenbürger ohne Slibowitz ist undenkbar – das weis ich inzwischen auch. Dazu dienten die Zwetschenbäume, welche im Herbst zentnerweise in Daniels Keller des inzwischen im Rohbau befindlichen Hauses gekarrt wurde. Als Daniel seien Bau begann, war es selbst seiner Frau zuviel und sie hat ihn erst einmal vor die Tür gesetzt, weil sie es nicht für möglich hielt, daß er ohne einen Pfennig zu haben, das Haus errichtet. Doch Daniel baute erst einmal den Keller auf und zog in den Keller ein, als die Decke fertig war. Im Keller stand eines Tages ein seltsames Gerät. Dieses Gerät hieß Destillieranlage und produzierte einen wahnsinnig wilden Schnaps, welcher speziell bei verschiedenen Salzunger „Kennern“ und im besonderen bei Lieferanten von verschiedenem notwendigem Bauzubehör, welches sich nicht legal organisieren ließ oder nur auf Auftrag, sehr begehrlich war.

Salzungen hatte bis zur Mitte des vorvorigen Jahrhunderts einen Weinberg, welchen aber dann die Reblaus vernichtete. Er war nun der Auffassung, daß die Reblaus inzwischen weniger an Traubenstöcken in Thüringen Interesse hat und begann in dem Garten um das zu bauende Haus gleichzeitig eine Etage Wein zu ziehen, wie es in Siebenbürgen üblich war. Nach ca. 4 Jahen hatte er es geschaft und gleichzeitig mit dem Bauabschluß und den ersten gärenden Weinfässern im Keller zog seine Frau wieder zu ihm.

Auf seinen Weg in seinen Garten in Zelleroda lag das Anwesen der Fa. Schnaps und Most-Eichhorn, Und Eichhorns Flaschenlager lag ohne Zaun und Mauer abgesperrt auf Daniels Weg. Es lag da nun also nahe, daß Daniel sich auch hier in seinen Rucksack bediente, den bei den gewaltigen Mengen, welche er brannte und zur Gärung brachte, wurden Flaschen ständig dringend benötigt. Nie hat man Daniel erwischt – nicht beim Bretter und Balken „besorgen“, nicht beim Karren der organisierten Zementsäcke mit seinem achtundzwanziger Herrenrad mit extra versteiftem Gepäckträger. Auch die Schwarzbrennanlage wurde nie entdeckt, weil sich ansonsten in Bad Salzungen keiner traute, diese riesigen Mengen zu brennen und der Geruch der Destilieranlage als Marmelade kochen definiert wurde.

Das pure Gegenteil war der Fall, denn Daniel gehörte zu der Sorte Mensch, vor dem jede Behörde Respekt hatte. Besonders putzig war, daß Daniel einen totalen Gerechtigkeitssinn besonders gegenüber den Behörden hatte, und sich grundsätzlich niemals etwas gefallen ließ, was ihm gegen den Strich ging. Und so war Daniel bei jeder sich bietenden passenden und unpassenden Gelegenheit auch ohne Rechtsanwalt auf dem Gericht oder auf den Behörden und erklärte denen dort in seinem siebenbürger Slang, was Recht und Ordnung für einen Siebenbürger bedeutet. Fluchtartig verließen alle Verwaltungsmitarbeiter in sämtlichen Behörden vor und nach der Wende die Amtszimmer, wenn Daniel auch nur in der Nähe gesichtet wurde. Daniel war nicht nur mit Argumenten und den entsprechenden Paragraphen präpariert, sondern auch äußerlich.

Einen Zylinder und ein schwarzer Gehrock war das mindeste, was er sich anhoste. Wenn die Sache wichtig war, und das war manchmal ein umgstoßener Grenzstein seines Nachbars, dann legte sich Daniel auch noch eine Schärpe um und steckte ohne Respekt das EK1 (Zu DDR-Zeiten ansonsten eine absolute Provokation) an sein Revers und erreichte, daß der Grenzstein 4 Meter in Richtung Nachbar wieder amtlich aufgestellt wurde. Berühmt war sein Sensengang zum Salzunger Gericht, zu dem er mit seinem Fahrrad und Sense unterwegs war. Schon an der Andreaskirche ließ ihn der ABV vom Fahrrad absteigen, mit der Frage, wo er mit einer ungeschützten Sense einhändig fahrradfahrend hin will. „Na zum Gericht , das ist ein Beweismittel!“ war seine ungeduldige Antwort und schwang sich auf das Fahrrad und war in Richtung Stadtzentrum verschwunden. Der Richter staunte nicht schlecht, als Daniel mit der Sense in einer Sache wegen seinem Garten vorsprach. Auf die Frage , was er mit einer Sense im Gericht will, kam die Antwort, er müsse anschließend zum Anacker und Gras mähen…..“der Herr Richter solle sich beeilen , der Anacker wartet nicht lange“. Was soll da ein Richter noch sagen? Nichts. Ganz , ganz vorsichtig wurde der Fall im Sinne Daniels gelöst…..denn man konnte ja nie wissen…….ob er nicht das Ding in seinem Gerechtigkeitswahn anfing zu schwingen….Im Endeffekt waren aber gegen seine Argumente, welche er wie eine tibetanische Gebetsmühle zig mal wiederholte, jeder Bescheid und jedes Urteil gegen ihn die blanke Makulatur.

WernerSein Sohn Werner, geb. 1949, der „Pfennigfuchser“ war ein total anderer Schlag als sein Alter. Werner war bis auf ein wenig Steuerhinterziehung ehrlich bis auf die Knochen und hatte die Pfiffigkeit von seinem Vater und die Gutmütigkeit von seiner Mutter geerbt. Werner oder Wernerchen, wie ihn seine Mutter auch als Erwachsener so rief, hatte ein kleines Problem, das war LRS, eine Lese – Rechtschreibe-Schwäche, welche man Mitte der fünfziger Jahre noch nicht so richtig erkennen konnte und so mußte Werner mehrmals eine Klasse wiederholen und konnte nur den Beruf eines Hilfsschlossers im damaligen Kaltwalzwerk erlernen. Dort wurde er dann in der Werkzeugbauabteilung tätig und fiel sofort wegen seiner „goldenen Hände“ auf.

Ein Meister drückte ihn ein Werkzeugteil in die Hand um es nachbauen zu lassen. Werner legte nach einigen Stunden dem Meister zwei Werkstücke auf den Tisch und der Meister hatte echt das Problem festzustellen, welches ist das Original -Teil und welches ist nachgebaut. Er hatte nämlich sogar die Gebrauchsspuren des Originals mit in seine Dublette integriert. Werner war der erste in Salzungen, der das Wort Resycling, als es dieses im allgemeinen Sprachgebrauch noch gar nicht gab, mit Leben erfüllte. Vieles schleppte er nach Hause, was irgendwo weggeworfen wurde, oder was er für einige Pfennige erwarb. Dort hatte er sich eine kleine Werkstatt eingerichtet, in der eine gehörige Anzahl von Maschinen schnurrte und vollgestopft mit allen möglichen Werkzeugen und Vorrichtungen war. Er machte einfach alles wieder ganz, was er in die Hände bekam und hauchte auch den ältesten Gegenständen wieder Leben ein. Anschließend wurde es wieder verkauft.

Mit den Jahren wurde er immer perfekter, besonders bei der Restaurierung von Antiquitäten. Egal ob es eine alte Schwarzwälder Kuckucksuhr mit hölzernem Uhrwerk war oder ein Biedermeierschrank. Sein Wissen holte er sich aus der Fachliteratur, sprach mit alten Meistern aller Gewerke und fuhr auch einmal ohne mit der Wimper zu zucken nach Dresden in die Gemäldegalierie „Alte Meister“, um bei der damaligen Museumsdirektorin Frau Meier-Rietschel zu erfragen, wie „Pettenkoffern“ geht. Da ist ein Restaurierungsverfahren mit dem alte Firnisschichten mittels Alkoholdämpfe auf alten Gemälden aufgeweicht wurden, um sie besser restaurieren zu können.

Bei Werner wurde wieder alles wie neu. Er goß Zinndeckel von alten Reservisten-Bierkrügen nach und hatte auch wenig Mühe für die Münzsammler der Gegend sogenannte Galvanos herzustellen. Das waren Münzen, die sahen aus wie Münzen, waren aber keine. In einem raffinierten galvanischen Verfahren fertigte er hauchdünne galvanische Dubletten, welche er einfach auf der Rückseite mit Kerzenwachs ausgoß. So eine Münzenatrappe kostete ihm wenige Pfennige Produktionskosten und für 5 – 6 Mark konnte man bei Werner jede nur denkbare seltene Münze der Welt nachempfinden lassen. Man mußte nur Werner für einige Stunden ein Original zur Verfügung stellen. Was seinem Vater nie richtig gelang, aus seiner Hände Arbeit Geld zu machen, gelang Werner mit Leichtigkeit.

In einer Zigarrenkiste fing Werner an Hundertmarkscheine zu sammeln an und als er so 17 Jahre alt war, war die Kiste bis zum Deckel voll und Fuchse-Werner stellte sich einen größere Blechkiste unter das Bett in der die Scheinchen fein säuberlich gestapelt wurden. Wenn nun mal jemand dringend Geld brauchte und wollte aus welchen Gründen auch immer nicht zur Sparkasse gehen, der konnte bei Werner einen fast zinslosen Kredit erhalten. Die Fast-Zinsen bestanden aus alten Gegenständen, welche Werner wieder, nachdem er sie restauriert hatte, zu Hundertmarkscheinen machte. Eines Tages drückte Werner seinen Vater einige Tausend Mark in die Hand und ließ ihn hinter dem Haus noch ein kleines Häuschen bauen, damit er seine Schätze, welche er inzwischen angesammelt hatte, ordentlich verstauen konnte. Das kleine Zimmer, das er bewohnte, platzte inzwischen aus allen Nähten.

Als das Häuschen fertig war, begann er seine Antiquitätensammlung zu erweitern. Im Erdgeschoß standen nach kurzer Zeit zwei BMW-Dixis und in einer Werkstatt, welche mehr Platz als die alte bot, werkelte Werner inzwischen auch in einem Fotolabor, welches dazu diente, seine Restaurierungs-Objekte auch fachmännisch zu dokumentieren. Zu jedem „Gegenstand“ gehörten Vorher-Nachher Fotos, mit dem er seine gepfefferten Verkaufspreise begründete. Eine besondere Spezialität seines Fotolabors waren Minikataloge von seltenen Briefmarken, welche er an einen Briefmarkenhändler vorab vor den Originalen nach Westdeutschland schickte.

So gesellten sich nach einiger Zeit zu den vielen Hundertmarkscheinen ostdeutscher Währung auch zunehmend Westhunderter. Zu seiner geregelten Arbeit ging er weiterhin, obwohl er das eigentlich gar nicht mehr nötig hatte. In seinem Antiquitätenzimmer türmten sich inzwischen die Schätze von Barock bis Jugendstil und da er mächtig Angst hatte, daß mal bei ihm eingestiegen wird, um besonders seine Blechkiste, welche inzwischen fulminante Ausmaße annahm, zu knacken, wurde eine raffinierte Alarmanlage gebaut. Um in diesen Raum zu gelangen, mußte man erst einmal ein Spezialschloß, welches vor dem Schlüsselloch der Türe gebaut war, öffnen. Dann gab es noch eine Tastatur in der eine Zahlenkombination eingegeben werden mußte. Ein weiterer elektronischer Schlüssel, mit einer Spulenkombination öffnete dann die Eingangstüre wie mit Geisterhand. Die Fenster waren mehrfach elektronisch und mechanisch gesichert und auf dem Dachboden stand ein LKW-Akku und eine alte Luftschutzsirene, welche auch bei totalem Stromausfall funktionierte. Heute ist eine Alarmanlage zu besorgen kein Kunststück, die gibt es in jedem Baumarkt. In den sechziger Jahren in der DDR gab es aber soetwas nicht für Geld und gute Worte zu erwerben. Ein einziger Spezialbetrieb in der DDR, der Alarmanlagen produzierte, lieferte seine komplette Produktion an die Grenzstruppen zur Sicherung der Grenzanlagen.

Wer bei Werner zu Besuch war, der konnte und durfte stundenlang in seinen Schätzen stöbern. In Schränken, Kisten und Kästen lagerten die seltsamsten Gegenstände und ein Briefmarkensammler, welche mal eben eine seltene Thurn und Taxis Briefmarke benötigte, staunte nicht schlecht, als Werner eine Mappe hervorholte, da lagen die Marken bogenweise und fein säuberlich trennte eine einzige Marke von einem Bogen ab und legte sich danach zweihundert oder dreihundert Mark in seine berühmte Blechkiste.

Werner war seit dem 14 Lebensjahr zuckerkrank, rauchte wie ein Schornstein und hatte Spaß am guten Essen, welches seiner Gesundheit weitere Probleme bereitete. Er bekam Schwierigkeiten mit seiner Sehkraft, und Stück für Stück von seinem Körper mußte durch die gravierend zuschreitende Zuckerkrankheit entfernt werden. Zuerst amputierte man seine linken Fuß, dann ein Stück bis zum Knie und zuletzt der ganze Oberschenkel. Die zunehmende Behinderung glich er aus, indem er seine vielen Freunde in seine Aktivitäten einbezog.

1982 starb Werner und sein Vater, welcher Zeit seines Lebens immer Geld-Probleme hatte, war mit einem Schlage ein wohlhabender Mann. Er war inzwischen Rentner und hatte zu seiner Rente jetzt ein Polster, welches ihn sorglos hätte leben lassen können. Doch dann erkrankte seine Frau Martha an Alsheimer und Daniel hatte dadurch immer weniger Zeit sein vieles Geld auszugeben, welches er dann wahrscheinlich zu seiner Verwandtschaft nach Siebenbürgen in Rumänien transferierte. Er stritt sich aber weiterhin um Grenzsteine kaputte Gartenzäune und alle möglichen Belanglosigkeiten.

Als Daniel 1993 starb, stützten sich die Antiquitätensammler der Region wie die Geier auf den Nachlaß. Es war aber fast nichts mehr da. Daniel hatte vorher alles sorgfältig in alle Winde zerstreut. Die berühmte Blechkiste, welche in den Sperrmüll geschmissen wurde, enthielt eine Sero-Quittung über einen Betrag von 9 Mark und sechsundachtzig Pfennige, einen verchromter Tresorschlüssel mit der Prägung „Carl Kastner A-G Leipzig“, an dem an einer Lederschnur ein alter durchbohrter Ostpfennig hing. Auf dem Bart des Schlüssels war die Nummer 13 eingeprägt.

DietrichWeiterhin lag da noch ein raffinierter Klappdietrich, von dem ich wußte, daß dieses seltsame Relikt Daniels wichtigstes Handwerkszeug war.

Ich schätze, daß in irgendeinem Tresorfach einer Bank noch einige Zehntausend Ostmark schmoren, welche inzwischen zu Makulatur geworden sind, denn alles Geld hatte Werner sicher nicht in seiner Kiste gelagert. Davon hatte er einfach zuviel.

PS: Ach so, ich fotografiere gerne Friedhofsengel! Namen und Orte teilweise geändert. Einiges in dieser Story war ganz anders oder ist komplett gelogen.

© richard hebstreit 2010

One thought on “Goldräuber und Schlitzohren”

  1. He, die Bücher von Zigmund und Hanselka kenn ich – „Über die Kordillieren“ – aber das war ne ganze Serie, nicht nur ein einzelnes Buch.
    Die hab ich als Kind auch verschlungen… und mir vorgestellt, wie ich durch fremde Länder ziehe…
    nun ja, in der Realität ist es in fremden Ländern dann doch bissl anders als vorgestellt, aber interessant ist es immer.

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