Qype: Joseph-Roth-Diele in Berlin


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MARIA und/oder JOSEPH?

In der Potsdamer Straße war ich das letzte mal vor Jahren. Nachts kurz nach Zwölf. Ich war abgebrannt und sah plötzlich die Lichtreklame der Commerzbank. Bin dann rein, um nach zu sehen, ob noch ein bissel Kontokorrent übrig wäre. Ein Wunder war geschehen. Ich war im Plus und hätte mir von dem Plus drei Fahrräder kaufen können. Ich weis heute noch nicht, woher sich dieser Betrag auf mein Konto verirrt hat. Es muß ein Schutzengel gewesen sein.

Aus diesem denkwürdigen Grund habe ich die Potsdamer Straße in angenehmer Erinnerung, obwohl ich nicht mehr die Erinnerung habe, wie ich damals wieder nach Hause gekommen bin. Ich war dort in der Potsdamer Straße versackt.

Gestern war ein ähnlicher denkwürdiger Tag, weil ich unerwartet einige größere Engelfotos nach den USA verkauft hatte und das Salär dafür plötzlich und unerwartet einschlug. Da kam mir die Potsdamer Straße in den Sinn, das zu feiern. Na und dann kam mir ein Devotionalienladen aus der Potsdamer Straße in mein angestaubtes Gedächtnis, dessen Namen ich vergessen hatte. Mal da nachsehen, dachte ich – eventuell brauchen die da auch Engel – große, sehr große!

Zuerst schlug ich im “Puschels Pub” in der Potsdamer Str. 112 ein, in dessem Ergebnis ich über die Öffnungszeit des Devotionalienladens hinaus hockte, weil mir ein Hertha-Fan dort verklickern wollte, das in rund zweihundertdreißig Tagen Hertha wieder in die Bundesliga aufrückt. Das wär getrommelt und gepfiffen! Basta! Ich bräucht mein Bier nicht selber zu zahlen, ich bräuchte nur zu zu hören. Also habe ich andächtig zu gehört.

Dann landete ich in der Joseph Roth Diele und jetzt geht eigentlich die Geschichte über den Abend und die Joseph Roth Diele erst richtig los. Neben mir auf der Bank vor drei Zweier Tischen sitzt ein Mann mit Tränen in den Augen. Kurt, er wartet auf Laura Bean aus Kentucky, in die er mal unsterblich verliebt war, erzählt er mir. Er stammt aus Marzahn, war im November 1989 nach der Maueröffnung nach Westberlin gegangen und ein halbes Jahr später in die USA nach Frankfort ausgewandert. (Heisst wirklich Frankfort – habe zweimal nachgefragt) Dort fährt er Erntemaschinen für Rüben, Korn und Mais und Trucks aller Arten und Sorten. Will seiner Frau, einer Amerikanerin nun endlich mal seine Heimat Berlin zeigen. Sie wäre mit seiner Mutter nun im Wintergarten in „The Tiger Lillies FREAKSHOW“. Ein Berliner Kumpel hätte ihm das erzählt mit dem Auftritt von Laura Bean, die wohl seit acht Jahren von den USA nach Deutschland ausgewandert wäre. Kurt schwärmt beim Maufeln von Schweineschnitzel Wiener Art von dieser echten Berliner Kneipe, die es so und nicht anders nur in Berlin geben kann. „Schau mal die ollen Schachbrettfliesen und die ollen Dielen! Allet echte wa, allet echt orijinal Berlin! Dabei futtert er das Schnitzel, das er vorher in mundgerechte Häppchen mit dem Messer zerteilt hat, nur mit der Gabel in der rechten Faust. „Mit Messer und Gabel gemeinsam hantieren, hat er wohl in Kentucky verlernt“ denke ich dabei.

Dann bimmelt eine Bimmel an der Wand und ich gehe auf Toilette und danach bei der Bedienung nachfragen, warum es bimmelt. Und frage, seit wann es diese „ungemein historische Berliner Kneipe“ gibt. „Acht Jahre wa, vorher war im jetzigen Gastraum ein Sarglager vom Beerdigungsunternehmen neben an!“ Kurt will es mir nicht glauben, das die Kneipe fast wie nagelneu ist. Schwupps habe ich mein superschnelles Internethandy von einer Firma angeschmissen, das ich nicht nenne, weil diese Firma zu viele Mitarbeiter in Deutschland gefeuert hat und präsentiere Kurt mit tipptipptipptipp die feuerrote Internetseite des Unternehmens: „Die Liebe nämlich, meine Freunde, macht uns nicht blind, wie das unsinnige Sprichwort sagt, sondern im Gegenteil, sehend. (Joseph Roth)“

Inzwischen bekomme ich auch was zu essen. „1 SCHNITZEL SALAT…….*7.95“ steht später auf der Rechnung. Dabei erzählt mir Kurt vom Rüben und Bohnen ernten in Kentucky bei Frankfort. Vier mal vier Meilen im Karré fährt er auf seinem vollautomatischen GPS gesteuerten Rübentrecker und schaut bei der Arbeit fern oder wuselt im Internet rum. Mein Handy bedient er inzwischen wie ein Chirurg. Präzise und schnell. „Ach schau mal wa, Regisseur und Filmemacher war der Kneipenbesitzer früher, irgendwann gab es Stullen hier zu Mittag und Suppe!“

„Engel, Engel gibt es hier auch, der Laden „Ave Maria“ nebenan verkauft Engel und gehört auch noch den Kneipern, der Mentz, Schuster, Funk & Zimmer GbR!“ Das sagt er wohl, weil ich ihm vorher die Ohren abgekaut habe mit meinen Engeln. Ich verschlucke mich an meinem Schnitzel, obwohl ich es ordentlich mit Messer und Gabel essen kann.

Dann verdunkelt sich der Tisch. Vor mir steht eine Baßgeige und Kurt flüstert: „Laura, Laura!“
Die steht hinter der Baßgeige, die sie mit zwei Musikerkollegen zusammen wenige Minuten später auf der Empore neben einem Flügel zupft. Die polnische Roma-Band „JANIO JUNIOR SWING“ spielt verstärkt durch die richtig hübsche Amerikanerin Laura Bean ähnlich wie Schnuckenack Reinhard oder Django Reinhard jazziges mit Drive und Spaß an der Sache „hot-steppin‘ gypsy swing“.
Weitere Infos: http://www.myspace.com/janiojuniorswingband#ixzz10OaAj1mb

Dann verdunkelt sich die Eingangstür. Kurts amerikanische fast wasserstoffblonde Frau, die wohl ein wenig zu viel Neunerpackungen HotWings bei Kentucky Fried Chicken gefuttert hat, erscheint mit ihrer eben so blonden Schwiegermutter, einer Berliner Walküre gleichen Kalibers. Es ist wohl Pause im Wintergarten und Kurt soll ein wichtiges Propblem dolmetschen. Die Berliner Schwiegermutter spricht nur marzanisches Hochdeutsch. Sie berlinert. Die JANIO JUNIOR SWING – Band packt ihre Sieben Sachen und verschwindet, nachdem Laura Bean mit einer Künstlergageneinsammelbüchse durch die Gast- und Lesestube gewandelt ist. Die Gäste werfen ordentlich was rein. Kurt wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln und blickt entgeistert der Laura hinterher. Dabei quasseln die beiden fülligen Damen durcheinander Deutsch und amerikanisches Kentucky Englisch. Ich verstehe soviel, dass es um eine Luis Vitton Tasche geht, deren einer Henkel im Wintergartengedränge abgerissen wurde und Kurt einen Anwalt besorgen soll, der den Wintergarten, „The Tiger Lillies FREAKSHOW“ und Luis Vitton verklagt.

Dabei zeigt Kurts Frau mit ihrem scheinbar kurzen fullminanten Zeigefinger auf ein Schnitzel an einem Nebentisch, dann auf sich und dann auf die Bedienung. Kurt bestellt und es wird dann eng auf der Bank. Ich bin nun abgemeldet. Das macht nix. Kann mein Handy wie eine Fledermaus die Flügel aufklappen wo ich geh und steh oder sitze. Es hat eine QWERTZ Tastatur. Die Geräusche um mich herum werden immer leiser. Ich sitze da und tippe meinen Text. Fühl mich fast wie Joseph Roth, der viel in Kneipen geschrieben hat. „Radetzkymarsch“, „Der heilige Trinker“, „Das Spinnennetz“.

Ich konnt den Kurt dann nicht mehr fragen nach der Liebe und den Bohnen. Vergessen hab ich warum die Glocke hängt. Irgendwo steht für den last call. Nur sie bimmelt jede Stunde. Ich werde da noch mal hingehen. Wegen den Schnitzeln, den Engeln, der Glocke und eventuell neuer Geschichten.

© Richard Hebstreit

Mein Beitrag zu Joseph-Roth-Diele – Ich bin rhebs – auf Qype

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