Qype: DDR Live Ausstellung in Berlin


Berlin

GESCHLOSSENES SAMMELGEBIET

heißt es bei den Briefmarkensammlern, wenn ein Land zwar noch geografisch, aber politisch real nicht mehr existiert. Das Deutsche Kaiserreich, das Dritte Reich und die DDR sind geschlossene Briefmarken – Sammelgebiete. Für Museen und Sammlungen mit hauptsächlich dreidimensionalen Dinge gilt das auch.

Am 07.10.2010 hat die Sammlung zur Geschichte der DDR „DDR Live“ in Berlin die Pforten mit Häppchen und Flüssigem gleich neben der Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas geöffnet. Das war sicher strategisch ein waiser Ratschluß vom Kurator Gennadi Hans an dieser Stelle
dichtester Touristenfrequenz ein Museum zur Alltagskultur der Geschichte der DDR zu platzieren.

Schülergruppen aus ganz Europa werden ihm zwangsläufig dort die Bude einrennen. Man bekommt in dieser Gegend traurige Deutsche Geschichte im Doppelpack. Wenn man ein Loch dort in der Gertrud-Kolmar-Straße 14 30-50 Meter schräg nach Südost buddeln könnte, dann würde man auf Adolf Hitler seinem Scheißhaus im Führerbunker landen. Es wäre dann ein Dreierpack.

Im Gegensatz zu manch anderen Ausstellungen, die die Alltagskultur der DDR ostalgiemäßig plüschig verbrämen, liegt im Konzept dieser Sammlung ein Schwerpunkt auch auf Relikte der politischen, polizeilichen und militärischen Abschottung der DDR. Noch liegen die Scheinwerfer
der Grenztürme auf einen Haufen. Vieles ist noch nicht fertig und manche Räume sind noch nicht fertig eingerichtet. Aber das macht nix. Die DDR war auch ein Deutsches Provisorium und nie ganz fertig. Bis sie fix und fertig war.

Die Exponate haben im Verlauf der letzten Jahre einiges an Patina ab bekommen und so wirken die ausgestellten Gegenstände gleichfalls lustig, traurig, makaber, seltsam und sehr ärmlich mit heutigen Augen betrachtet.

Die Alltagsdinge der DDR waren ungeheuer komplex. Es gab bei allen Warengruppen unsäglich traurige Qualitäten aber auch ab und an absolut unkaputtbares. Ein unkaputtbares Beispiel ist ein ausgestelltes Wohnzimmer der Oberschicht der DDR, wo praktisch das neuste Design der Möbel der alten Bundesrepublik 1:1 in Einzelfertigung nach gebaut wurde. Das ist aber noch nicht fertig präsentiert. Es fehlen noch Details.

Dagen wird im „DDR Live“ ein Wohnzimmer des normalen „Durchschnitts“ der Bevölkerung aus den 70er/80er Jahren auf der Fläche der ehemaligem Plattenbauwohnung „Leipzig P2“ mit sehr hoher Authentizität ausgestellt. Es ist eine Zeitreise!

Die Küche, die im „DDR Live“ life präsentiert, ist, stammt wohl aus den 60er Jahren und so sahen viele Küchen in Essen, Dortmund und Hamburg in einer Arbeiterwohnung auch aus. Es gibt inzwischen Nostalgieläden in Berlin, da sind diese Sachen inzwischen wieder Kult und absolute Antiquitäten.

Manche Gebrauchsgüter sind, die Jugendliche, die solche Sachen in ihrem Leben zum ersten mal sehen, unverständlich und unerklärlich. Der Grund wird kaum in Museen und Sammlungen der DDR Geschichte heraus gestellt. Es war das rohstoffarmste Land Europas! Importrohstoffe in
den Mengen, wie es die alte Bundesrepublik einführen konnte, war in der DDR undenkbar. Dazu kam der fehlende marktwirschaftliche Wettbewerb, der die Entwicklung der Dinge zu schöneren und gebrauchstüchtigeren Eigenschaften systematisch verhinderte. Ressourcenschonung war
ein Generalkonzept der wirtschaftlichen Realität der DDR. Inwieweit das unkorrekt ist und war, wird die Zukunft bringen, wenn das Öl alle ist.

Die DDR ist Geschichte. Ich bin dort in diesem ehemaligen Land eines geschlossenen „Sammelgebietes“ selber aufgewachsen, habe meine Kinder groß gezogen und bis zum 9. November ununterbrochen gleichermaßen glücklich und unglücklich gelebt. Ich freue mich, das die DDR in die Geschichtsbüchern und Ausstellungen verschwunden ist. Im „DDR Live“ kann man dieses Panoptikum nun ausführlichst bestaunen!

Es ist bisher die einzigste DDR Sammllung, wo es mich richtig gegraust hat. Am stärksten kam das rüber mit der Wandmalerei im „Konsum“, die mir die grausliche Erinnerung brachte an Zeiten der „Sozialistischen Wartegemeinschaft“, wo man stundenlang in den Schlangen vor den Geschäften stand, weil es Nautik Seife gab, Spee oder geräucherte Forellen.

Sehenswert!

© 2010 Richard Hebstreit

PS:
Ich war zu DDR Zeiten mal Designer. So um 1986 habe ich eine Blumentopfhalterung für die Wand gestaltet für den VEB Kunstgewerbe Pappenheim. Das Video „Wie kommt der Blumentopf an die Wand kann man hier sehen:

(Betrieb des VEB Wohnkultur Suhl) Das gute Stück nannte sich BL47r. Ich war Bauhausfan und minimaler ging es wirklich nicht. DDR Design wird jetzt langsam wieder aus den Archiven heraus gekramt, weil man auch langsamerkannt hat, das es nunmal zur Deutschen Geschichte, zur Designhistorie gehört.

Ein Experte für DDR unkaputtbares Design ist der Journalist Günter Höhne, der eine interessante Dokumentation im Internet präsentiert: http://www.industrieform-ddr.de

Mein Beitrag zu DDR Live Ausstellung – Ich bin rhebs – auf Qype

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