Qype: Vaust – Braugaststätte Berlin in Berlin


BerlinEssen & TrinkenRestaurantVegetarisch

Biergeschichten 

Gespeist habe ich in der Pestalozzistraße 8 noch nie etwas. Aus Zwei Gründen. Das „Vaust“ gibt es dort noch nicht sehr lange und vegetarisch mag ich nicht, weil ich kleingeschnittene tote Tiere mag – auf dem Teller. Roh oder gesotten. 
Aber Bier getrunken habe ich dort schon mal. Zwei Sorten, Pils und Dunkel. Das Bier ist nach meinem Empfinden bemerkenswert. Fünf Sterne, nur für das Bier! Es ist kein Industriebier. Es ist nur für das Vaust gebraut. Der Diplombraumeister Wolfgang Grabolle braut das Bier nach seiner eigenen Rezeptur in der Brauanlage der Brewbaker Brauerei in der Moabiter Zunfthalle. Es ist unfiltriert und nicht pasteurisiert, also nicht kurzzeitig hocherhitzt. 
Der Preis für ein so feines Bier ist absolut OK! Pils 0,3 l 2,30 € 0,5 l 3,70 €; Dunkel 0,3 l 2,30 € 0,5 l 3,70 €.

Ein Gast am Nachbartisch war nach dem ersten Schluck baff und hat Herrn Grabolle gegenüber das Bier so gelobhudelt, das die Spatzen in dem Lindenbaum vor der Gaststätte ihr Frühlingsgezwitscher kurzzeitig unterbrachen. 

Mir ist da in diesem Moment meine Geschichte aus einer ehemaligen trockenen Gegend Berlin, der Halbinsel Stralau eingefallen, in der es ganz dramatisch um Bier ging. Weil, es gab damals 2002 in Stralau kein Bier aus dem Zapfhahn! 
Chemie und Biologie macht’s möglich…. 
Ich hab dann doch die Tür eingetreten und bin rein. Klaus Kurz meinte, „Das Dach ist schon ab – der Bagger macht nächste Woche den Rest des Chemieinstitutes weg“.
Damit die Kinder der Nachbarschaft nicht zufälligerweise ihr neugierigen Fingerchen in die noch vorhandene Phosphorsäure tunken, hatte man die Tür verschlossen. Eigentlich war ich auch nur neugierig und wollte von den alten Laborräumen ein paar Aufnahmen schießen, falls irgendwann mal jemand Aufnahmen von einem vergammelten Labor braucht. Ach so, ich handele manchmal mit komischen seltsamen Lost Places Fotos… 
Ich hab nun mein Blitzer gleich im ersten Laborraum eingeschaltet, hab  zusätzliche Blitzlampen verteilt und habe lustlos den Auslöser gedrückt. Nach wenigen Minuten hatte ich den ersten Film mit sechsunddreißig Aufnahmen voll. Abgebaut das alles und im zweiten Raum wieder aufgebaut. Dann kam die Institutsbibliothek, wo die schöne Fachliteratur auf dem Boden verschimmelte, denn die Regale waren geklaut. Das ging so fünf mal, bis ich zu einer Türe komme, die noch verschlossen war. 
Das Institut!
An der Tür hing ein vergilbter Zettel „REXAM – Enzyme“ – 1995/2″. Ein Tritt vor die dürre Türe und sie wippte wie eine dürre Schranktüre auf. Rattendunkel war’s – ein seltsamer stickiger Geruch nach Hefe und Alkoholdunst lag mir sofort auf der Zunge und dann im Magen. Zwei Fenster waren mit schwarzer Folie beklebt. Die habe ich im Strahl meiner klitzekleinen Taschenlampe abgerissen.
KOMISCH – In blauen Thermosbehältern auf gekachelten braunen Labortischen blubberte leise und sacht eine braune undefinierbare Masse. Wenn es nicht so penetrant nach Hefe riechen würde, könnte man meinen, es wäre Scheiße, präziser Durchfallscheiße. 
Das Büro!
Ich war baff. Wieso blubbert es hier noch. Das chemische Lebensmittelinstitut ist seit vielen Jahren geschlossen. Ich beginne mich im Raum um zusehen und entdecke außer diesen blauen Behältern, einige blauen Schnellheftern, nur noch einen runden Stahldrahtkorb mit vertrockneten halbverschimmelten Brotresten. 
Ein blaues Schnellheft trägt die Aufschrift „SSB“. Als ich im Schnellheft herum blättere, werde ich stutzig. Unter der Überschrift SSB…steht mit fetten Lettern STRALAUER-SCHNELL-BIER Darunter und auf den folgenden Seiten gibt es ellenlange Versuchsprotokolle über die Herstellungsversuche eines Schnellbieres, welches aus einem Hefeenzym und Bakterien Bier edelster Sorte erzeugte. Alles mit dem blitzblauem Stempel “ STRENG GEHEIM!“ 
Über zwölf Jahre wurden, so das Protokoll von einem Diplomchemiker Dr. Phillip Reib die Versuchsreihen akribisch aufgelistet. Sinn der ganzen Prozeduren war ein sogenanntes Instantbier aus einer Zufallserfindung zu entwickeln. Aus getrocknetem Brot und simplen Leitungswasser wurde hier Bier gebraut.
Enzyme und irgendwelche Bakterien produzierten hier in Zeiten, wo es das Wort „Biotechnologie“ noch nicht im Lexikon gab aus der braunen Pampe innerhalb weniger Minuten feinstes Pilsner. 
Das Hopfenaroma wurde locker nebst notwendigem Alkohol von einem Hefestamm aus dem Brot erzeugt. Für einen Liter Bier genügte ein Esslöffel braune Stammbierhefepampe. Der Alkohol, der ja in jedem ordentlichem Bier enthalten sein sollte, entwickelte sich aus den Brotresten in Sekundenrekordzeit. Um den Hefestamm bei Laune zu halten, genügten in der Woche ein halbes Roggenbrot und Leitungswasser. 

Ich war total von den Socken. Auf was bin ich hier gestoßen? Eine Goldgrube? Ein Geheimnis? Ein Kuriosum?
Fragen über Fragen gingen in meinem Kopf herum und ohne viel nachzudenken schnappte ich mir das Schnellheft und einen blauen Behälter, um zu Hause erst einmal das Experiment auf Wahrhaftigkeit zu überprüfen. Ich wollte dieses geheimnisvolle Instantbier testen, ich wollte es versuchen. 
Meine Frau war nicht zu Hause und so schnappte ich mir die größte Glasvase im Haushalt und füllte vier Liter Leitungswasser in die alte Bleiglasvase. So stand es in der Bedienungsanweisung im blauen Heft. Aus dem Thermosbehälter entnahm ich vier Esslöfel Bierpampe. Kaum war die Bierpampe im Wasser, so fing die Flüssigkeit in der Glasvase an zu brodeln. Die Stralauer Rennhefe begann Ihre Arbeit und nach wenigen Minuten hörte die Brodelei auf. Die Flüssigkeit wurde bierfarben goldklar. Nur oben auf der Flüssigkeit schwamm ein leichter hässlicher brauner Schaum. Als ich mir ein Bierglas vorsichtig abfüllte, entstand sogar eine vorschriftsmäßige Schaumkrone. Von den Wänden des Bierglases perlten kleine Gasblasen wie beim Sekt und nach zehn Minuten sah die Schaumkrone immer noch aus wie vom Bierhahn frisch abgefüllt.
Endlich fasste ich Mut und trank dieses komische Gesöff. Es schmeckte. Es schmeckte nach bestem herben Deutschem Bier. Ähnlich wie Jever oder Tuborg. Das Alkoholmessgerät, eine Glasspindel, welche ich auch aus dem Labor mitbrachte, pendelte sich bei 8% ein. Zufrieden stellte ich fest, ich hatte Starkbier. Starkbier aus Wasser, ein bissel vergammeltem Brot und ein wenig von dieser rätselhaften Bierpampe.
Nach zwei kompletten Liter intus brach ich meinen Versuch ab. Egal wie das alles ausgeht, ich musste sofort die anderen blauen Thermosbehälter noch retten. 
Ich setzte mich bewaffnet mit einigen großen Plastiktüten und wahrscheinlich Einsfünf Promille in mein Auto und fuhr die fünfhundert Meter in Schlangenlinien bis zum Labor. Ich kam gerade an, wie ein alter grüner VW-Bully weg fuhr. Im Bully saß ein alter Mann mit einem gelben Base Cup. Auf dem Bully stand REIB – BIERLEITUNGSREINIGUNG. 
Als ich im Labor stand war es leer. Die anderen Behälter und weitere Unterlagen waren verschwunden. Auf dem rotbraunen Labortisch lag ein Zettel auf dem mit Kugelschreiber wahrscheinlich eilig gekritzelt, aber deutlich zu lesen stand: “ Wer auch immer…..halte ja die Fresse!“ 
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Mein Bierwunder, meine Bierschwemme funktionierte präzise vier Wochen. Dann ging mein Hefestamm plötzlich unerwartet ein. Meine Bierproduktion funktionierte nicht mehr. Ich las nochmals und nochmals im blauen Heft nach, um die Misere zu ergründen. Dann entdeckte ich meinen gravierenden Fehler. In einem Satz gleich am Anfang stand unauffällig fast ganz blass mit Bleistift gekritzelt „Genosse Reib, bitte den Versuch dunkel halten….höchstens mattes Rotlicht!“
MeineREXAM- Bierhefe stand jetzt fast vier Wochen im Küchenfenster. Ich hatte sie mit Sonnenlicht abgemurkst. In den nächsten Tagen klapperte ich das Telefonbuch alle gleichen Namen ab, um meinen Biererfinder zu kontaktieren.
Ich kam zu spät. 
Reib war gestorben. Reib ist vor vier Tagen gestorben und ich komme gerade von der Beerdigung. Man sagt, er hat sich mit feinstem Bier tot gesoffen……dabei wäre der seit Jahren fast nie aus dem Haus gegangen….höchstens zum Bäcker, um sich altbackenes Brot zu holen…….Auf seinem Grab lag ein großer dicker Kranz – gestiftet von einer großen Deutschen Brauerei. 
 © rhebs, 2002 
Entstanden ist das alles aus einer kleinen Reportage für meine „Stralauer Spaziergänge“, „Ergebnisse der Enzymforschung“…

war mal…
Zu DDR Zeiten und bis Mitte der Neunziger Jahre gab es einmal ein Lebensmittelinstitut auf Stralau. Gleich hinter dem abgerissenen blauen Haus. Bei meinem Spaziergang am 3. Mai 2002 habe ich im ehemaligen Laborgebäude herumfotografiert. Dann stand der Bagger dort und nach wenigen Tagen war nichts mehr zu sehen. Nichts mehr zu sehen von tausenden Formularen, verschimmelten Fachbüchern und Karteikarten. Karteikarten, auf denen vermerkt war, wo und wann in der DDR wie viel Tonnen Hefe hergestellt wurde. Ein paar Fässerchen mit Säuren und irgendwelchen undefinierbaren Chemikalien standen noch herum. Manche Laborräume, welche nicht ausgeplündert waren, sahen aus, als wären sie gestern erst verlassen. 

Die Tassen!
Die Frühstückskaffetasse mit zwei Stückchen Zucker wurde nicht mehr gefüllt. Der Laden machte aus bekannten Gründen dicht. Er wurde von der Treuhand abgewickelt, denn in Charlottenburg oder Spandau gab es genug auftragsmagere Lebensmittellabore! 

Mein Beitrag zu Vaust – Braugaststätte Berlin – Ich bin rhebs – auf Qype

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