Qype: Zum Hecht in Berlin


Berlin

Hecht mit Gurke

Mit einer „geborenen Hecht“ bin ich „Zum Hecht“ gelangt. Vorher hat es schräg vor dem Laden ´ne Currywurst mit einer wirklich feinen Currysoße gegeben. Wir dachten, im Hecht gibt es nichts zu beißen, weil es eine Raucherkneipe ist. „Zieh den Hals nich so lang, wenn de den nach de Nutten verrenkst“, meint meine „geborene Hecht“ beim Currywurst mampfen. Nur, ich muss das tun, ein Baum steht im Weg vor dem Eingang des Puffs.

Das war ein Irrtum mit dem nichts zu beißen. Es gab sogar gratis was zu beißen im Hinterzimmer: Delikateßgurken, Schmalzstulle, Buletten, Senf, Majo.

Buletten Gurken Schmalzstulle

Ausgeschenkt wurde u.A. ein mildes Bier aus Brandenburg. Den Name des Bieres habe ich vergessen. Meine „geborene Hecht“ meint, „Lass ja dein Wischfingerhandy“ stecken, hier macht man sowas nicht“. Nur am hinteren Teil des Bartresens saß ein Russe mit  einem riesengroßem Laptop. W-LAN gibt es hier merke ich, als ich beim Gurken holen auf mein Handysystem schiele. Der Russe flog dann raus. Er war zu laut und betatschte eine Freundin, die nicht seine eigene war.

Inzwischen hat sich ein Mann mit Glatze, vielen Muskeln und einem JVA Tegel Tatoo am Oberarm, „3 Rundbogenfenster unter zwei spitzen Türmen“ gesetzt. Die flinke nette Kollegin hinter dem Tresen mit einer Glitzerbasecap schenkt dem wohl ehemals Knacki ein Bier in einem kurzbauchigem Tulpenglas ein. Rundherum berlinert man lautstark.

„Ich bin wohl hier heute der Einzige mit thüringischem/sächsischem Zungenschlag“ denke ich. „Richtig gedacht“ erklärt mir ein Berliner aus dem Kiez, der den Platz des Muskelmannes  eingenommen hat. „Früher, vor „Kalle Bomber“ (Inhaber Karl Heinz Heistermann) ist es weit heftiger gewesen, jetze jeht et
berlinisch bürgerlich jesittet zu!“

Das ist dann auch real zu merken. Mehrere Männer aus Berlin mit voluminösen sagenhaft phantasievollen Bärten fallen in die Kneipe ein und verteilen sich an runden Bartischen. Es sind exakt die gleichen Männer, deren Fotos links neben der Tür hängen. Ein Wort fällt mehrfalls „Lohntütenball“. Es ist der einunddreißigste August. „So um Freitag/Samstag kommen die manchmal vorbei“ meint jemand, als ich neugierig frage.

Mustage Mnner

Noch einer mit mächtig Muskeln kommt rein und geht auch gleich wieder. Die geborene Frau Hecht meint jetzt: „Der jeht jetze zu seine Mieze und macht mit der häusliche Jewalt, wennse die Penunnse von de Freier nich rausrückt“

In der entgegengesetzten Ecke gegenüber leuchten zwei riesige Spielautomaten und eine Musikbox. Obendrüber hängt ein Flachbildfernseher, auf dem Sportfernsehen läuft. Ab und zu regelt die Barfrau dieses Multimediaequipment. Fällt ein Tor, wird es laut vom Fernseher her, läuft die Musikbox, wird die lauter gestellt kurz über dem Lärmpegel der zirka acht Gesprächsrunden im vorderen Teil der Kneipe.

Ich laufe da mal rum und höre in die Gespräche rein. Es ist das pure Leben. Ein Mann ist daheim ausgezogen und hat die Schlafzimmerschranktüren mit genommen, weil er den Schrank demnächst noch holen will. Der Schrank wäre seiner. An einem anderen Tisch balzen zwei Männer um eine Frau mit tiefem Ausschnitt. Nach einer Weile sitzt nur noch der kleinere der beiden am Tisch. „Die großen sind im Vorteil!“ meint dazu laut lachend „ehemals Frau Hecht“. „Gottseidank – ich bin ziemlich groß!“. Denn kaum bin ich mal zur Toilette, flirtet man rabiat mit meiner „geborenen Hecht“.

Die mit den Bärten unterhalten sich über Krankheiten, Zahnarzt- und Rentenabrechnungen. Es sind mehrheitlich Senioren. Wir beide, „ehemals Frau Hecht“ und ich sitzen am Tresen im Hecht in der Ecke und denken, is fast sowas hier wie Volkstheaterszenen am laufendem Band.

Diese alten Berliner Witze könnten hier spielen:

„Frau Kowalske holt ihren Mann in der Kneipe ab und kriegt einen Schnaps spendiert.`Sie schüttelt sich: Det schmeckt ja ekelhaft.´ Siehste, meint Herr Kowalske, und da denkste immer, det ick mir hier amüsiere.“

„Ein nicht gerade gern gesehener Stammgast bestellt in einer Berliner Kneipe: „Also heute hätt ick jern ma wat, wat ick noch nie hatte.““Sagt die Wirtin: „Da würd ick dir Hirn empfehlen.“

„Ick weeß nich, sinniert Justav an der Theke, diese moderne Partnerwahl per Computer is doch einfach menschenunwürdig. Ick hab` meine Frau janz normal hier beim Pokern jewonnen.“

„Ick muss mir scheiden lassen, meine Frau treibt sich zu ville inne Kneipen rum. `Trinkt se?´ `Nee, se sucht mir.´“

Es war ein schöner Abend im Hecht. Ich denke, als wir nach Mitternacht die wenigen Meter zu einer Bushaltestelle in der Kantstraße liefen, dass in meiner ehemaligen Heimatstadt in Thüringen schon lange die Bürgersteige hochgeklappt sind und alle Kneiper im tiefsten Schlaf liegen. Frische Brötchen werde ich am Samstag-Morgen ganz früh hier in Berlin auch bekommen.

In meiner Heimatstadt galten mal ganz  andere Regeln:

D’r Bäck un die Bäckersche

E Zwiegespreech (Motto: Me blinn leine)

„Hanns, hörschte nett, d’r Gickel kräht“!
„I freilich doch! Båß meis’s verschlät!
Dås ös erscht Vitter Haine sinner;
Wårt närt e Wiel, glich kräht au minner.“
„Dou håst au räächt, båß’s ons ångött!
Un bann die Sonn åm Himmel stött,
Mei wunn ons dådröm nött bekömmer,
Die Ziete wärrn vun sälwer schlömmer
D’r Tååk öß laank, die Wåår wörd hårt,
Bär Seemel wöll, der kånn gewårt.

Die Übersetzung des Gedichtes von Christian Ludwig Wucke steht hier:
http://www.spruch-archiv.com/autor/7716-Christian-Ludwig-Wucke/comment-45059/?id=45059

© 2012 Richard Hebstreit
(www.oparazzi.de)

Mein Beitrag zu Zum Hecht – Ich bin rhebs – auf Qype

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